Buchkritik von Cornelia Beckers
Thema: „lautlos – ja, sprachlos – nein“ Grenzgänger zwischen Korea und Deutschland
Autor: Martin Hyun
Ein interessantes, ernstes, aber auch humorvolles Buch von Martin Hyun, Sohn zweier aus Südkorea stammender Gastarbeiter, die in den 60er-Jahren ihre Koffer packten, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen. Lautlos ja - sprachlos nein
Sein Werk, welches 2008 beim EB-Verlag Hamburg erschien und 259 Seiten zählt, fesselte mich bis zum Ende.
Für € 24,80 erhältlich, belegt es auf der Amazon Verkaufsrangliste gerade Nr. 77079 der Bestseller-Bücher.
Vorliegen hatte ich eine gebundene Ausgabe mit passendem Umschlagmotiv, verziert durch eine Acryl und Bleistiftzeichnung des deutsch-koreanischen Künstlers Ohyun. Schon die Meinungen auf der Rückseite erhöhen die Spannung und versprechen nicht zu viel.
Martin Hyuns erstes Werk erzählt von seinen Erfahrungen hier in Deutschland – als anders aussehender Deutscher, dessen Wurzeln auch optisch deutlich erkennbar sind.
Wir sprechen über Integration, und meinen damit eigentlich Menschen aus der Türkei, Russland, Polen,… Aber was ist mit den Menschen, die damals in den 60er Jahren aus Korea nach Deutschland kamen, um in Bergwerken oder Krankenhäusern zu arbeiten?
Diese Menschen kamen damals aus einem Land, welches zu dieser Zeit mit ihrem Bruttoinlandsprodukt von US$ 87,- auf der gleichen Stufe stand, wie der Sudan.
Und heute, vor allem durch den Fleiß und der Strebsamkeit der Bevölkerung, zur zwölftgrößten Wirtschaftsmacht der Welt zählt.
Über 7 Millionen Menschen mit koreanischen Wurzeln leben in über 175 Ländern verteilt.
Sie arbeiten, lernen und leben auch in unserem Land – doch man nimmt sie kaum wahr.
Sie jammern nicht, fallen nicht in kriminologischen Statistiken auf, sind selten Anhänger radikaler Religionen; Sie sehen eben nur ein bisschen anders aus.
Liegt es an den vielen Klischees nach denen die „asiatische“ Bevölkerung als zurückhaltend, lakaienhaft und problemlos gelten?
Was weiß man über Korea? Dass die Menschen mandelförmige Augen haben, und genauso aussehen wie eben alle „Schlitzaugen“?
Vielleicht fällt jemandem noch die Geschichte während der Olympischen Spiele 1988 ein, durch die der Verdacht aufkam, die Menschen würden dort Hunde verzehren?
Gerade auch zu solch brisanten Themen nimmt Martin Hyun humorvoll Stellung, und man kommt aus dem Schmunzeln nicht heraus.
Dass kaum ein Deutsch-Koreaner ein Hundeesser ist, und es trotzdem immer mal wieder zu kleinen Missverständnissen mit der hundeliebenden Nachtbarschaft kommen kann, schildert der Autor auf eine lebhafte und lustige Art und Weise, die man immer wieder in diesem Buch findet.
Besonders bewegt hat mich das aus Teil 1 stammende Kapitel „Eine kleine Reise durch das Leben meines Vaters“ ebenso wie „Eine kleine Reise durch das Leben meiner Mutter“.
Um das Handeln seiner Eltern zu verstehen, ihn stets zu fördern, ihn anzutreiben, eine bestmögliche Ausbildung in diesem Land, und später auch in Amerika zu nutzen, muss man wissen. Wissen, wie gern sich diese selbst solche eine Möglichkeit gewünscht haben, als sie damals in Korea lebten, und sich diese Chance nicht jedem heranwachsenden Kind bot.
Seine Mutter beschreibt Martin Hyun als eine starke Frau, die immer zuversichtlich in die Zukunft blickt, selbst wenn manche Wege vermauert scheinen.
„Auch durch eine Betonwand kann eine Pflanze hindurch wachsen.“ so ihre Lebenseinstellung.
Immer wieder blätterte ich auch zu den letzten Seiten – nicht etwa um das Ende des Buches zu erfahren oder die Lesezeit zu verkürzen – um auf die ganzseitigen, farbigen Fotoaufnahmen zu blicken.
Das älteste der Bilder zeigt ein Familienfoto von 1943, auf dem Martins Vater als jüngstes Kind zu sehen ist. Von seiner Mutter gibt es leider keine älteren Familien- oder Kinderbilder, da sie, so vermutet Martin, keine Erinnerung an ihr koreanisches Leben mit nach Deutschland nehmen wollte.
Die anderen Bilder zeigen Martin, als professionellen Eishockeyspieler der Krefeld Pinguine und auf einem Staatsbankett auf Schloss Charlottenburg in Berlin.
Sehr übersichtlich finde ich die Aufteilung des Buches in Teil 1 und 2:
Im ersten Teil befasst sich der Autor mit seinem/dem Leben seiner Familie in Deutschland.
Lebhaft und humoristisch schildert er hier die Meinungen der ersten über die zweite Generation aus Korea stammender Menschen und umgekehrt.
Ab Seite 145 bewegten mich die Meinungen und kleinen Lebensgeschichten einiger anderer Deutsch-Koreaner. Interessant und spannend schildern ein Fachjournalist, ein Mediziner, eine Fernsehmoderatorin, ein Arzt und andere Persönlichkeiten ihren Werdegang und ihre Erfahrungen als anders aussehender Deutscher in Deutschland.
Im zweiten Teil beschreibt Martin das Leben seiner Angehörigen in Korea, und erzählt die eine oder andere Anekdote aus dem Alltag seiner koreanischen Verwandtschaft.
Abschließend möchte ich sagen:
Es ist ein wunderbares Buch, welches mich zum Lachen, zum Nachdenken, zum Verstehen, zum Schmunzeln, zum Beantworten nicht vorhandener Fragen, zum weiterfragen und zum weiterlesen gebracht hat.
Ich bin dankbar für dieses Buch und allen, die an der Veröffentlichung beteiligt waren.
Sicher werde ich es das nächste Mal, wenn ich meinen halbkoreanischen Ehemann und meine koreanische Schwiegermutter nach Südkorea begleite, noch einmal lesen und mich an viele Passagen erinnern, wenn mir die Welt dort ein wenig fremd erscheint.
